Projektbeschreibung

1.Preis: Nichtoffener städtebaulicher Realisierungswettbewerb mit Ideenteil in Zusammenarbeit mit Johannes Wenzel  und Koeber Landschaftsarchitekten/Stuttgart

Spurensuche und Transformation

Als Reminiszenz an die industrielle Vergangenheit nimmt der Entwurf vorhandene Strukturen und Zonierungen auf – die Geschichte des Ortes bleibt erlebbar. Besondere Charakteristika werden herausgearbeitet, durch gezielte Interventionen verstärkt und zukunftsfähig transformiert. Die Mischung aus existierenden und neuen Nutzungen wie Produktion, Dienstleistung, Wohnen und Freizeit bildet eine sozial und ökologisch integrierte Nachbarschaft.

Von der Garnfabrik zu einem produktiven Quartier Hof (Saale) ist mit nahezu 50.000 Einwohnern nach Bamberg und Bayreuth die drittgrößte Stadt in Oberfranken. Aufgabe des nichtoffenen, städtebaulichen Realisierungswettbewerbs war die Umstrukturierung des ehemaligen Areals der Hoftex Spinnerei zu einem gemischten, innerstädtischen „urbanen Gebiet“. Neben dem 4,8 ha großen Spinnereigrundstück mit dem ehemaligen Hauptgebäude sollten auch die in Richtung Stadtzentrum angrenzenden Bereiche um die Hauptpost, die Feuerwehr und die historischen Gebäude des ehemaligen Kopfbahnhofs bearbeitet werden. Das damit insgesamt 8,1 ha große Wettbewerbsgebiet verbindet die zentrale Innenstadt und das westlich angrenzende Kulturareal mit Theater, Hofer Symphonikern und Freiheitshalle.

Verdichtete Bebauung einerseits, großzügiges Freiflächenkonzept andererseits Im Norden wird die gründerzeitliche Villenbebauung locker, punktuell ergänzt, der mittlere Bereich im direkten Umfeld des historischen Spinnereigebäudes urban nachverdichtet, im Süden schließt ein großzügiger, öffentlicher Freiraum mit Wasserfläche an. So entstehen drei individuelle Abschnitte mit differenzierter Qualität und Atmosphäre. Die geplante Durchwegung verknüpft die drei Bereiche sowohl miteinander als auch mit dem restlichen Stadtgefüge.

 

Durch die Dichte der Baustruktur wird räumliche Nähe geschaffen, wenig Fläche versiegelt und gleichzeitig eine Vielfalt an Leben, Kommunikation und Gemeinschaft möglich. Insbesondere der südliche, öffentliche Freiraum erhöht die Lebensqualität über das Areal hinaus für die gesamte Innenstadt, unterstützt das Mikroklima und fördert die Biodiversität.

 

Markante Gesamtstruktur Herzstück des Entwurfs ist das leerstehende Gebäude der Hoftex Group AG, das seit Gründung der Spinnerei 1884 mehrfach erweitert, aufgestockt und modernisiert wurde. Im Rahmen des Wettbewerbs sollte der Neubau des Hauptgebäudes von 1936 mit dem stadtbildprägenden Verwaltungshochhaus als möglicher Gewerbe-, Dienstleistungs- und Kreativstandort in die Planung integriert, wie auch ein späterer, phasenweiser Rückbau berücksichtigt werden.

In dem Fußabdruck der Fabrik nimmt der Siegerentwurf im Norden die Gebäudeflucht der Bestandshalle auf und verlängert diese in Richtung Bahnlinie mit einem Block, der im Westen schiffsbugartig abgerundet ist. Im Süden ergänzt eine Zeile mit Kopf die verdichtete, aber dennoch durchlässige Großform. Die großmaßstäbliche Körnung der stadtbildprägenden Bauten von Feuerwehr und Post wird mit dieser urbanen Mitte des neuen Quartiers fortgesetzt. Aufgrund der Zusammensetzung aus Baukörpern unterschiedlicher Größe wird die Baumasse untergliedert und fügt sich in das heterogene Umfeld ein.

Gebäudetypologien Unterschiedliche Gebäudetypologien dienen als robuster Rahmen für die Entwicklung des Wettbewerbsgebiets. Durch das vielfältige Angebot wird das Quartier nachhaltig belebt und resilient gegenüber Veränderungen in der Zukunft. Als Tandem werden pro Baukörper zwei Typologien vorgeschlagen, um Synergien im Gebäude und einen hohen Grad an sozialer Durchmischung auf dem Areal zu erzeugen.

Bauphasen
Phase 0 dient zur Belebung. Hierfür wird ein Teil des Wegenetzes und der Freibereich im Süden realisiert. In das stadtbildprägende Verwaltungshochhaus ziehen Zwischennutzungen ein.

In der ersten Bauphase entsteht im Westen ein hybrider Block. Der „Bogen“ bietet Wohnraum in Form von Maisonetten mit Garten im Erdgeschoss und kleineren Wohnungen in den Obergeschossen. Flächen zum Arbeiten und Wohnungen mit tollem Ausblick finden Platz im „Schrägen Typ“. „Reihenhäuser“ mit einem kleinen Atelier im EG und ein „Starker Rücken“ mit Einheiten an der Wohnlaube sowie Clusterwohnungen an den Enden ergänzen das Angebot. Die Villen im Norden werden mit Punkten im Grün ergänzt, die Raum für Service-Wohnen, Wohnen+ und betreutes Wohnen bieten.

Teil der zweiten Bauphase ist die „Wohnstraße“. Auf einem tiefen Erdgeschoss, das für Gastronomie und Gewerbe genutzt wird, sitzen Wohneinheiten in unterschiedlicher Größe. Diese können von Baugruppen und Genossenschaften entwickelt werden. Der „Dicke Typ“ kann als Jugendherberge und Boardinghouse mit kleinem Kino für die Hofer Filmtage fungieren.

Phase drei stellt den Ausbau der bestehenden Bestandshallen aus den 1940er-Jahren dar. Durch Einschnitte in die Bestandsstruktur findet Gewerbe und Dienstleistung Platz. Zudem können Wohneinheiten mit industriellem Charakter sowie gemeinschaftliches Wohnen zum Quartiersanger realisiert werden.

Nachhaltigkeit Eine klug vernetzte Nachbarschaft macht eine ressourcenschonende Lebensweise ohne Verlust an Lebensqualität möglich. Hierzu zählt ein gemeinsames Energiekonzept für das Quartier mit vor Ort produzierter Energie, einem Regenwassermanagement mit Speicherung im See sowie unterschiedliche Depots für Lebensmittel und Geräte.

Erschließungskonzept Aus dem Zentrum kommend, teilen sich die Wege durch das Quartier für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen am neuen Platz vor der Markthalle. Ein schnelles Passieren ist im nördlichen Bereich vorgesehen. Der Weg im Süden entlang der ehemaligen Pakethalle und der neuen Wasserfläche lädt dagegen zum Flanieren ein. Am See, westlich der Bahn und Hochstraße an der Verbindung zwischen Innenstadt und Kulturareal, wird ein Ort des Verweilens geschaffen. Damit der Quartierskern autofrei bleibt, wird der motorisierte Individualverkehr an den Eingängen in die Tiefgarage geführt.

Freiraumgestaltung Der Wasserhof als neues „Wohnzimmer“ der Stadt bereichert mit seiner urbanen und gleichzeitig landschaftlichen Atmosphäre das gesamte Umfeld. Der Platz wird zur offenen Retentionsfläche, die anfallendes Niederschlagswasser sammelt und offen speichert. Die gekieste Platzfläche fällt nach Süden hin leicht ab und findet ihren Abschluss in einer klar gefassten Kante. Wechselnde Wasserstände zeichnen ein dynamisches Platzgefüge. Anfallendes Niederschlagswasser von Dach- und Belagsflächen wird gebündelt und zur südlichen Kante geführt, an der es sich kontrolliert anstauen kann. Standortgerechte Gehölze wie Weiden, Zypressen, Erlen überstellen den Platz und lassen durch ihre natürlichen Lebensräume auch eine Überflutung der Bereiche zu. Binsen und Röhrichte zeichnen Grünräume, dienen der Filtration des Wassers und der Steigerung von Biodiversität.

Die Gartenhöfe nehmen Bezug auf die Historie des Ortes, die Auswahl ihrer Bepflanzung und Materialität knüpft an die handwerklichen Prozesse, die hier ehemals stattfanden, an. So werden z. B. für den Färberhof Pflanzen vorgeschlagen, die früher zum Färben von Garn und Wolle verwendet wurden, während im Fasergarten Pflanzen zum Spinnen von Garnen verwendet werden können. Hierdurch entstehen starke und eigenständige Identitäten innerhalb des Quartiers.

Ein teppichartiges Band, das durch eine Raumabfolge unterschiedlicher Nutzungen und Angebote gegliedert wird, bildet den linearen Schwerpunkt im Anger. Die Materialität und Verlegeart der Beläge nehmen Bezug zur handwerklichen Kunst des Webens und damit zur Geschichte des Ortes. Baumgruppen bilden ein grünes Volumen in der zweiten Ebene und sorgen nachhaltig für ein angenehmes Mikroklima. Lose Möblierungen und große Tafeln stärken das nachbarschaftliche Miteinander und bieten Raum für Kommunikation und Austausch. Halböffentliche und nachbarschaftliche Freiräume werden dabei nicht nur im Erdgeschoss, sondern auf vielen Höhenniveaus – von der Wohnstraße, über Brücken, bis hin zur Dachterrasse – horizontal wie vertikal geführt.