Projektbeschreibung

Unvorhergesehenes als Chance
Umfassende Sanierung des Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle Stuttgart – hochkomplexe Aufgabe in einem architekturhistorisch-sensiblen Umfeld

Das Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle Stuttgart besteht aus zwei Gebäuden: dem unter Denkmalschutz stehenden, ikonisch-expressiven alten Teil von Rolf Gutbrod und Adolf Abel (1956) und der Ergänzung vom Gutbrod-Schüler Wolfgang Henning (1990/91). Dieser „neue“ Teil musste aufgrund von Nutzungs- und Kapazitätserweiterungen sowie wegen technischer und funktionaler Mängel umfangreich saniert werden.

Dank der Revitalisierung ist der Kongressbau nicht nur technisch auf dem neuesten Stand. Auch räumlich und gestalterisch wurde das Gebäude behutsam erneuert. In edel-aufgeräumter Atmosphäre können nun wieder zahlreiche Veranstaltungen stattfinden.

Abgeschlossen wurden die umfangreichen Sanierungsmaßnahmen bereits im Oktober 2020. Die Wiederaufnahme des Programms war allerdings erst im Herbst 2021 möglich, da die Stadt Stuttgart bis Ende Juli 2021 in dem frisch renovierten Bereich eines der beiden zentralen Impfzentren eingerichtet hatte. Die zentrale Lage und gute Infrastruktur boten ideale Voraussetzungen für die Interimsnutzung.

Formal nimmt die Ergänzung aus den 1990er-Jahren die expressive Formensprache des Gutbrod-Baus auf, überführt dessen organische Anmutung aber in eine kantigere, vieleckige Grundform. Die beiden Säle des Neubaus, von denen der Hegel-Saal etwa 2.550 und der Schiller-Saal 530 Personen fasst, liegen im Untergeschoss auf Ebene 1. Darunter befindet sich noch ein weiteres UG mit den Technikräumen und dem Unterbühnenbereich. Im Erdgeschoss, auf Ebene 2, liegt der Haupteingang, erschlossen vom Platz der Deutschen Einheit. Auf zwei Obergeschosse verteilen sich zahlreiche Seminar- und Tagungsräume sowie der Verwaltungsbereich.

Als räumlicher Mittelpunkt fungiert der große Hegel-Saal mit seiner auf einem Siebeneck basierenden Grundform. Die Geometrie des Saals taucht in weiteren Elementen wie Fenstern oder Wandverkleidungen wieder auf, bis hin zu dem Siebeneck im Logo der Liederhalle.

 

Die Überarbeitung der Deckenbereiche haben wir als große Chance gesehen, um die bislang unruhige, bedrückende Raumwirkung zu optimieren. Die unterschiedlichen Bereiche wurden klar gegliedert und ein angenehmes Raumgefühl erzeugt. Insbesondere die Verbindung der räumlichen Maßnahmen mit dem ausgefeilten Lichtkonzept von pfarré lighting design, die Farbgestaltung von asp Architekten sowie das Leitsystem von Studio Tillack Knöll tragen dazu bei, dass die Orientierung im Gebäude nun nahezu intuitiv funktioniert.

Die neuen, gefalteten Deckenelemente verbinden sich zu einer durchgehenden, homogenen Fläche. Während die Raumkanten mit Lichtlinien betont werden, nimmt sich die Decke durch den warmen, tiefblauen Farbton zurück, wirkt angenehm ruhig und elegant. Installationselemente sind exakt, lediglich punktuell gesetzt und strahlenförmig auf den Hegel-Saal ausgerichtet. So wird die besondere Geometrie des Gebäudes betont.

Im Hegel-Foyer, das inzwischen auch unabhängig von den beiden Sälen für Events oder Veranstaltungen genutzt wird, haben die Planer:innen das Gestaltungsprinzip fortgeführt, wichtige Raumkanten und Orte durch die Lichtführung oder besondere Materialität zu betonen. Sonderbereiche wie Bars, WCs, Aufzüge und Haupttreppen sind mit einer Holzverkleidung versehen, deren intarsienartige Muster die siebeneckige Grundgeometrie des Kongressbaus variieren. In den unteren Geschossen kontrastiert das warme Eichenholz der Wandverkleidungen mit der Härte des bestehenden Granitbodens, in den oberen Geschossen harmoniert das Material mit dem vorhandenen Parkett.

Umfassende räumliche Eingriffe fanden Im Bereich der ehemaligen Großküche und der Hinterbühne statt. Durch Entkernung und räumliche Umorientierung entstand ein neuer Backstagebereich für die Künstler:innen mit großzügigen Aufenthaltsbereichen, Künstlerumkleiden und Sanitäranlagen. Auch das Veranstalterbüro kam hier unter.

Fotos: Zooey Braun